Bauen bis es wehtut. Foto: Gina Doormann

Wenn Architektur Kopfschmerzen macht

Heute möchte ich einen Artikel von Monika Leykam empfehlen, der auf immobilien-zeitung.de erschienen ist. Sein Titel lautet “Diese Architektur tut nicht gut”. Ich empfehle diesen Artikel und schreibe ihn in der Art nicht selbst, da bereits alles enthalten ist, was mich seit einiger Zeit umtreibt.

Dennoch muss ich den hervorragenden Artikel durch meine persönlichen Beobachtungen und meine subjektive Meinung ergänzen.

Gehe ich durch zentrale Straßenzüge Hamburgs und lasse meinen Blick schweifen, stimmt mich traurig, was ich sehe. Da ist nicht mehr nur die liebenswerte und charismatische optische Oberlinie der Stadt mit Michel & Co. (von mir aus mag auch die Elphi dazuzählen …). Was leider immer prägender wird, sind Gebäude in der, wie Monika Leykam es nennt “Bauklotz-Architektur”. Es sind Flachdächer, üblicherweise mit hell verputzter WDVS-Fassade, im Idealfall kleiden noch Riemchen die Fassaden. Und von derlei Gebäuden gibt es immer mehr. Einfach mehr bauen, jeden Quadratzentimeter nutzend, denn dieser bedeutet bei den in unerreichbare Höhen abgedrifteten Immobilienpreisen bares Geld. Und davon richtig viel. Diese Würfelhusten-Armada besteht aus Herbergen teuerster Eigentumswohnungen, nicht etwa aus sozialem Wohnungsbau, dessen Bedarf bekannterweise ebenso unermesslich hoch ist wie die Quadratmeterpreise.

Nicht minder unattraktiv und keineswegs dem Menschen angepasst sind die Bürohäuser – ebenfalls zügig errichtet – mit ihren geschlossenen und ergo abweisenden Fassadenzügen. Und das ist nicht nur in Hamburg so, sondern zieht sich durch die Großstädte der Republik.

Architekten sollen nicht mehr gestalten, von der Eigenwahrnehmung als Künstler mögen sie sich bitte so weit wie möglich entfernen. Sie sind nunmehr Dienstleister, deren Takt das Baubudget und die maximal baubare Quadratmeterzahl vorgibt. Mehr, schneller, billiger. Ach ja: Fördermittel ob der so EnEV-konformen Dämmart Bauweise müssen maximal ausgereizt werden. Ob die späteren Bewohner beim Betreten ihres Neubaus zunächst das tiefe Bedürfnis haben, alle verfügbaren Fenster zu öffnen, weil sie das Gefühl des Erstickens befällt, spielt keine Rolle. Dies ist das Berufsbild, auf das Architekturstudenten vorbereitet werden. Etwas anderes als ein Flachdach planen? Keine Ahnung. Fehlanzeige. Müssen sie nicht mehr können.

Architekturpsychologen und Baubiologen könnten ein Liedchen davon singen, doch hören wollen die Bauherren/Investoren sie nicht. Nachhaltiges Bauen und die Orientierung am Menschen und seinen Bedürfnissen scheinen in großen Schritten in den Hintergrund zu treten – während Kinder jetzt nicht mehr ganz natürlich Häuser mit niedlichen roten Satteldächern zeichnen, sondern Würfel.

Das musste einfach mal gesagt sein.


Gina Doormann

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