Verändert Corona die Architektur? Ein Meinungsbild.

Verändert Corona die Architektur? Ein Meinungsbild.

Das Coronavirus SARS-CoV-2 lässt die Welt stillstehen. Für die Menschen, die ihre Liebsten an die Krankheit verloren haben, am meisten. Für alle anderen aber auch. Die anderen, die (noch) nicht krank sind und mit Lenkung der Regierung ihr Bestes geben, um Corona Einhalt zu gebieten.

Dafür bleiben wir alle zu Hause und erleben jeden Tag, wie wir Werte neu definieren. Das Zuhause als solches – ist das eigentlich so lebenswert, wie wir immer dachten? Die 50 Quadratmeter auf etabliertem Grundriss – dass man mit vier Personen hier nicht leben kann, verschafft sich jetzt schmerzhaft Gehör. In dieser Zeit hinterfragen Menschen die Lebensgestaltung, die bislang normal war. Die Fahrtzeiten vom Wohnort zur Arbeit und zurück – waren die vielleicht überflüssig und sind damit verschenkte Lebenszeit?

Architekten suchen Antworten auf die Frage nach zeitgemäßem Wohnen

Architekten und Architekturkritiker greifen diese Fragen auf und skizzieren Antworten. Architekt Stephan Schütz von Gerkan, Marg und Partner etwa sprach gegenüber dem Deutschlandfunk von einer künftig stärkeren „mischfunktionalen Architektur“. Diese werde erlauben, von zu Hause aus zu arbeiten und so auch den Straßenverkehr drastisch zu reduzieren. Schütz sieht mit solchen durchmischten Stadtquartieren eine Chance in der Krise.

Demselben Medium gegenüber berichtete Architekt Matthias Sauerbruch vom Büro Sauerbruch Hutton davon, dass der Shutdown seine Spuren in der Architektur hinterlassen werde. Er findet vor allem die Erfahrung mit seiner zu 90 Prozent aus dem Homeoffice arbeitenden Belegschaft positiv. Denn es sei klar geworden, dass man auch künftig bei weitem nicht mehr so viel werde reisen müssen. Weil derzeit keine Arbeiter aus dem Ausland einreisen können, ginge die Arbeit auf den Baustellen deutlich langsamer voran – oder sie würden komplett geschlossen. Dennoch träfe der Architekt auf „viel Verständnis und Solidarität für die Baubranche.“

Zukunftsvisionen des Wohnens vom Architekturkritiker

Architekturkritiker Niklas Maak sprach in einem Interview mit der ARD darüber, dass die Arbeit sich insgesamt derzeit sehr verändere: durch Dezentralisierung. Denn Städte hätten sich historisch rund um die Arbeit entwickelt. Aktuell allerdings zeige sich ein sinkender Druck zur Versammlung im Stadtzentrum, wo die Arbeit sei. Die Option Homeoffice ermögliche jetzt hingegen, das Land wiederzuentdecken. So könne unter anderem der urbanen Wohnungsknappheit entgegengewirkt werden – indem Menschen zum Beispiel die freien Immobilien auf dem Land nutzen, um von dort aus zu arbeiten. Laut Maak solle weiterhin verstärkt die Frage gestellt werden, wem die Arbeitsstruktur mit Großraumbüros und verstärkten Freizeitangeboten á la Google, wie sie in den letzten Jahren Trend wurde, eigentlich diene. Jetzt habe man deutlich gesehen, welche „Defizite die Architektur, in der wir gerade hocken“ habe – daher sollten die Städte künftig mehr in das Wohnen eingreifen. Denn „gute Architektur gebe den Rahmen, sich auszuprobieren“. Architekten sollten jetzt hinterfragen, wie man die Architektur, die da ist, zukunftsgerecht umbauen kann. Würde dieses geschehen, sei der Architekturkritiker grundsätzlich optimistisch.

Wenn wir unsere Wohnungen durch die Corona-Situation ganz anders nutzen, erkennen wir deren Schwachstellen. Der Erkenntnis, dass Wohnungen den Nutzerbedürfnissen nicht mehr gerecht werden, ging auch ein Artikel auf Sueddeutsche.de nach. Demnach wären lediglich eigene Häuser oder vielleicht Altbauwohnungen dazu imstande, die Herausforderung von improvisiertem Homeoffice, Homeschooling und Kleinkinderbetreuung halbwegs zu bewältigen. Der Artikel zitiert den Wiener Architekten Georg Poduschka. Er sagt, dass die Art, wie die Wohnungen aufgebaut sind, hinten und vorne nicht mehr stimme. Denn ihr Ursprung sei der vor rund hundert Jahren entstandene Funktionalismus – mit dem ganz genau vorgegeben gewesen sei, wie das Leben zu funktionieren habe. Denn Funktionalismus stehe für das Ordnen, Vereinfachen und Auseinanerdefinieren. Unser heutiges Leben könnten solche Wohnungen nicht abbilden, präzisiert Poduschkas Partnerin Anna Popelka. Sie sagt aber auch, dass es die perfekte Wohnung für drei Personen heute nicht gebe. Denn Bedürfnisse seien individuell.

Die Planung von Wohnungen hänge immer vom politischen Auftrag ab, sagt der Architekt Jürgen Patzak von BARarchitekten. Von politischer Seite sei im Wohnungsbau nichts gewünscht, das auf Flexibilität ausgelegt sei. Patzak bedauert dies, denn Bauen sei aus seiner Sicht ein „gesellschaftlich kulturelles Projekt, kein ökonomisches.“

Fazit: Positiv.

Die verschiedenen Stellungnahmen zu unseren vorhandenen Wohnmöglichkeiten und die Visionen besserer und vor allem zeitgemäßerer Ideen lassen hoffen. Die „Corona-Erfahrung“ hat nämlich ganz klar gezeigt, was nicht funktioniert. Vielleicht ist dieses Experiment ja ein Auslöser, der das Umdenken für den Wohnungsbau zulässt.


Gina Doormann

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