Bauen im Klimawandel – eine vielschichtige und anspruchsvolle Aufgabe

Bauen im Klimawandel – eine vielschichtige und anspruchsvolle Aufgabe

In einem sich rasant verändernden Klima verändern sich auch die Anforderungen an das Wohnen und Bauen. Städtebaulich, architektonisch und energetisch ist zunehmend ein Umdenken gefragt. Im Städtebaulichen müssen Planer auf bislang unübliche Wetterextreme und auch auf dramatische Begleiterscheinungen wie das Insektensterben reagieren. Architektonisch ist jeder Bauherr dazu aufgefordert, mit hohem energetischen Anspruch zu bauen. Idealerweise findet ein funktionierendes Zusammenspiel auf beiden Ebenen statt.

Neue Stadtplanung und ihre große Bedeutung

Stadtplanerisch kann es viele Ansatzpunkte auf dem Weg zu einer auf die neuen Anforderungen reagierenden Stadt geben. Insektenfreundlich wird es etwa, wenn aus einer kurzgemähten Liegewiese eine insektenfreundliche Blühwiese wird. Um das Stadtgrün künftig den steigenden Temperaturen und der größeren Trockenheit widerstehen zu lassen, sind widerstandsfähige Stadtbaumarten und Staudenflächen eine mögliche Lösung. Den urbanen Grünflächen kommt künftig nicht länger allein die Funktion als Naherholungsfläche zu. Denn diese unversiegelten Flächen können maßgeblich dazu beitragen, den in der Zukunft viel häufiger zu erwartenden Starkregen ausreichend versickern zu lassen.

Auch der Bund misst dem Ausbau des Stadtgrüns eine zunehmende Bedeutung bei: Für mehr öffentliches Grün stellt er einen dreistelligen Millionenbetrag zur Verfügung. Es ist bekannt, dass öffentliche Parkanlagen, Dachbegrünungen oder Vertikalbegrünungen das Potenzial haben, sich positiv auf das Klima im direkten Umfeld auszuwirken. So können zusammenhängende Parkflächen, die mindestens einen Hektar groß sind, für eine innerstädtische Abkühlung von rund einem Grad Celsius sorgen – bei den künftig steigenden Temperaturen werden Stadtbewohner für jedes einzelne Grad weniger äußerst dankbar sein.

Experten betonen, dass die Auswirkungen des Klimawandels sich deutlich spürbar vor allem in Innenstädten bemerkbar machen werden: Sie werden künftig durchschnittlich rund fünf bis zehn Grad heißer werden, auch die Nächte könnten im Sommer dann eher Tropennächten ähneln. Gesundheitlich werden diese Veränderungen vor allem ältere oder körperlich geschwächte Menschen zu spüren bekommen. Es ist jetzt die Aufgabe der Städteplaner und Architekten, Städte und einzelne Gebäude an diesen neuen Anforderungen auszurichten. Es sind viele Aspekte, die dafür zu bedenken sind. Auf Städteebene gedacht, wird zum Beispiel auch der Schatten schon bald immer bedeutsamer werden. Das haben einige Planungsbüros bereits verinnerlicht und setzen in unseren Breitengraden Verschattungskonzepte ein, die ursprünglich für äquatornahe Städte konzipiert worden sind. Die klimatischen Änderungen gehen rasant voran, sodass das Umdenken so schnell wie möglich, und zudem konsequent, stattfinden sollte.

Wie das einzelne Gebäude dem neuen Klima gerecht werden kann

Jedes einzelne Haus kann einen Beitrag zum Hitzeschutz und zum Klimaschutz leisten. Eine Möglichkeit sind ökologisch wirksame Dachbegrünungen. Sie können nicht nur etwa 80 Prozent des Regenwassers abhalten, indem es zunächst gespeichert wird und anschließend verdunsten kann, sondern auch das einzelne Haus im Sommer vor Hitze schützen. Für einige Bundesländer steht daher zum Beispiel die Begrünungspflicht für Gebäude zur Diskussion. In Baden-Württemberg gilt sie bereits. Dort müssen etwa Fassaden begrünt werden, wenn ansonsten keine weitere Grünfläche vorgesehen ist. Die vertikale Begrünung ist also eine Form des Ausgleichs der ansonsten fehlenden Sicker- und Verdunstungsflächen. Der Nachteil ist natürlich, dass die Kosten pro Quadratmeter Fassade mit der vertikalen Begrünung deutlich steigen werden.

Wer ein Eigenheim plant, sollte außerdem auf eine Heizung setzen, die sich auch zum Kühlen eignet: zum Beispiel eine Flächenheizung an der Wand in Verbindung mit einer geothermischen Wärmepumpe. Über die Grundwassersonde kann so auch kühleres Wasser in die „Heiz“-Schlaufen geleitet werden – für einen kühlenden Effekt. Das Umweltbundesamt rät in diesem Zuge unter anderem dazu, eine besonders energieeffiziente Wärmepumpe zu kaufen.

Dämmen im Klimawandel

Inmitten der Anforderungen des Klimawandels kommt dem Dämmen von Gebäuden eine hohe Bedeutung zu. Denn laut dem Umweltbundesamt ist die Heizung für den Löwenanteil des privaten Energieverbrauches privater Haushalte verantwortlich. Darunter leidet nicht nur die Haushaltskasse, sondern auch das Klima: 60 Prozent des CO₂-Ausstoßes des Sektors Wohnen würden durch das Heizen verursacht. Sinnvolle und passgenaue Wärmedämmung kann hier Abhilfe schaffen – mit dieser Maßnahme wird nämlich nur das Gebäude geheizt, nicht aber die Städte und das Klima. Denn eine funktionierende Wärmedämmung, sei es im Rahmen eines Neubaus oder im Zuge der energetischen Sanierung von Bestand, ist es möglich, den Primärenergiebedarf eines Gebäudes um bis zu 90 Prozent zu senken. Voraussetzung ist allerdings immer, dass – vor allem bei Bestandsgebäuden – Material und Maßnahmen zur vorhandenen Struktur und Bauphysik passen.

Doch im Hinblick auf die Umwelt ist Dämmen leider nicht gleich Dämmen. Denn vor allem in dem aus rein materiellen Interessen viel zu oft an der Außenfassade verwendeten Wärmedämmverbundsystem (WDVS), gerade aus erdölbasierenden Dämmstoffen wie z. B. Polystyrole, können sich sehr leicht Algen oder Pilze ansiedeln. Das macht die Fassade grün oder schwarz und damit unansehnlich. Damit das (zumindest nicht so schnell) passiert, beinhalten viele Fassadenfarben reichlich Biozide. Sie werden mit der Zeit ausgewaschen und versickern – mit schädlichen Folgen für die Umwelt. Das muss nicht sein, denn es gibt giftfreie baukonstruktive Alternativen, um die Schönheit und Funktionalität einer Fassade zu bewahren. Hier ist nicht nur die Kreativität der Architekten gefragt, sondern auch der Mut und die Bereitschaft der Bauherrenschaft. Neu gedachtes Bauen ist in Zeiten der Folgen einer massiven Klimabelastung wichtiger denn je – clever und mit Weitsicht.

Architekten und Mitarbeiter von Bauämtern tragen eine sehr große Verantwortung – der sie für eine lebenswerte Zukunft in einer sich ändernden Umwelt jetzt gerecht werden müssen.

Bild: kie-ker from Pixabay

Gina Doormann

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