Temple #007 | Foto: Hiroshi Takeda

Architektur in der Kunst: pfirsichfarben, rosa.

Architektursommer Hamburg. Der japanische Künstler Hiroshi Takeda fordert mit seinen „Temple Trees“ das Abstraktionsvermögen von Architekten heraus.

Der Hamburger Architektursommer weckt in Architekten und interessierten Laien Erwartungen wie Inspiration, Weiterbildung oder erlebbare Architektur. Doch die mehrmonatige Veranstaltung überrascht: Sie hält mehr als unmittelbar architektonisch Greifbares für die Besucher bereit. Einige Angebote erwarten von in der Baukunst Vorgebildeten das Ablegen vertrauter Bewertungsmaßstäbe. Eine dieser Ausstellungen heißt Utopia MoMo-Iro 9 von Hiroshi Takeda und wird derzeit in der Mikiko Sato Gallery gezeigt. Ein Teil dieser Werke des japanischen Künstlers stellt insbesondere Architekten vor eine besondere Herausforderung. Takeda arbeitet neben seinen berührenden gesichtslosen Porträts an dreidimensionalen Objekten, die mit Architekturmodellen verwandt zu sein scheinen. Während planerisch Unbedarfte hier die diversen Materialitäten oder das große handwerkliche Geschick des japanischen Künstlers bewundern, suchen Architekten vergebens vertraute konstruktive Strukturen.

Räumliche Zuordnung und die Kommunikation der Räume in Takedas Werken sind nicht mit Architekturvokabular greifbar. Unvoreingenommene Betrachter hingegen spüren mühelos Takedas kindliches Begreifen der Welt, das er in seinen Werken reflektiert: Kinder fragen nicht nach statischen Grundsätzen. Visuelle Eindrücke erinnern sie nicht zeitlich chronologisch – viele Erlebnisse sind im Moment der Empfindung eins. Ebenso sind es Takedas „Häuser“. Er hat Eindrücke einfacher japanischer Alltagsarchitektur aufgegriffen und interpretiert. Seine Werke, die lediglich als Temple mit einer Nummer benannt sind, verarbeiten nicht vorrangig die Kubaturen der gesehenen Gebäude, sondern deren Materialitäten und jeweiligen Spiele mit der Beleuchtungssituation. Die von Takeda geschaffenen Häuser entbehren jeglicher Personalisierung, sie sind Spiegel kindlicher Empfindungen. Der Verzicht auf individuelle Namensgebung, die durch Nummerierung ersetzt wurde, verdeutlicht die Intention des Künstlers. „Hiroshi Takeda hat eine sehr positive Erinnerung an sein Elternhaus“, erläutert Galeristin Mikiko Sato. Jedes von Takedas Werken offenbart dieses Empfinden – der geschickte und dezente Lichteinsatz betont diese Wirkung.

Temple #007 | Foto: Hiroshi Takeda

Temple #007 | Foto: Hiroshi Takeda

Entgegen den Temple Trees fordern die Temple das konstruktive Grundverständnis von Architekten bei Weitem nicht so sehr heraus. Diese Werke sind deshalb nicht schlicht: Das Lichterlebnis fasziniert im Einklang mit den verwendeten Farben. Die omnipräsenten Neonfarben, Kindheitsprägung Takedas, entfalten bei den „Tempeln“ eher subtil ihre Wirkung. Architekturverständige können sich ohne störendes inneres Empfinden auf die Temple einlassen.

Temple Trees

Temple Tree #004 | Foto: Hiroshi Takeda

Temple Tree #004 | Foto: Hiroshi Takeda

Die „Temple Trees“ verlangen Architekten mehr ab. Beim Betrachten der aufgetürmten Räume müssen sie die Suche nach der bestimmenden Formensprache ebenso ablegen wie den inneren Versuch der statischen Korrektur. Takeda fasst in den Trees seine Eindrücke gesehener Bauwerke in kindlicher Manier zusammen. Mit verschiedensten, in gekonnter Handwerkskunst verarbeiteten Materialien zeigt er dem Betrachter, was er gesehen hat und wie er die unterschiedlichen Erfahrungselemente zueinander in Bezug setzt. Und wenn es keinen zu geben scheint, muss der architektonische Betrachter auch dies mitunter so akzeptieren.

Hiroshi Takedas Häuser sind Teil das Hamburger Architektursommers. Einfach, weil sie Häuser sind? Das wäre zu flach gegriffen. Vielmehr setzen die kleinen Tempel Emotionen ebenso frei, wie es anspruchsvolle Architektur vermag – wenn ihre Betrachter sich darauf einlassen. Die Kubaturen, die Formensprache und der Einsatz von Farbe in der stets wiederkehrenden Handschrift des Künstlers rühren zutiefst. Sie geben einen unverfälschten Blick frei auf den jungen Hiroshi Takeda, der seine Entwürfe unbedarft in MoMo-Iro – pfirsichfarben, rosa – kleidet. Takeda ist kein Architekt, bringt aber das zustande, was auch Stararchitekt Tadao Ando mit seiner Architektur erreichen will: „Wenn ich entwerfe, möchte ich den Menschen die Möglichkeit verschaffen, etwas zu fühlen, zu empfinden“.

Hiroshi Takeda in Hamburg

Der 1978 geborene japanische Künstler stellt im Rahmen des diesjährigen Architektursommers bereits zum vierten Mal in der räumlich kleinen Mikiko Sato Gallery aus. Die dortige Ausstellung ist aufgrund ihres privaten Charakters sehr empfehlenswert und kann noch bis zum 12.06.2015 besichtigt werden. Ab dem 13.06. können Architekten sich in der Affenfaust Galerie auf das Experiment der freien Interpretation einlassen. Takedas Werke sind dort Teil der Ausstellung „Sechzig Jahre Kunst in Hamburg“.


Gina Doormann

Kommentar verfassen

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen ein angenehmeres Surfen zu ermöglichen.