Christo, Wrapped Reichstag, Collage 1972 Foto: Christoph Petras © 1972 Christo

Architektonische Zeitgeschichte in einem zarten Kleid

„Im verhüllten Reichstag wird sich jeder Deutsche widerspiegeln“ (Willy Brandt)

Christo Wrapped Reichstag

Christo, Wrapped Reichstag, Collage 1972 Foto: Christoph Petras © 1972 Christo

Berlin, 24. Juni 1995: Der Reichstag in Berlin verschwindet unter Polypropylengewebe. Mit seiner Aktion versetzt der Konzeptkünstler Christo nicht nur die Hauptstadt, sondern die ganze Republik in Erstaunen. Dieses großmaßstäbliche Kunstprojekt beschäftigte den gebürtigen Bulgaren und seine französische Frau Jeanne-Claude schon Jahre zuvor. Seit 1971 trug sich das Künstlerehepaar mit diesem Gedanken. Am 25. Februar 1994 erklärte der Bundestag sich nach hitzigen Debatten einverstanden mit der spektakulären Aktion.

Christo begann sofort mit seiner Arbeit, bei der ihn 90 professionelle Gebäudekletterer und 120 weitere Arbeiter unterstützten. Sie befestigten die 100 000 qm des dicken, aluminiumbeschichteten, Polypropylengewebes mit 15,6 km blauem Polypropylentau. Die Fassaden, Türme und das Dach des Gebäudes erhielten eine Verkleidung aus Flächenvorhängen. Die großen Materialmengen wurden nach ihrer zweiwöchigen Verwendung recycelt.

Wrapped Reichstag Christo

Christo und Jeanne-Claude, Verhüllter Reichstag | Foto: Wolfgang Volz (c) 1995 Christo

Interessant ist, dass die Künstler das gesamte Projekt selbst finanziert haben – sie akzeptieren aus Prinzip keine Fremdfinanzierung. Hinter dem Projekt „Wrapped Reichstag“ stehen zudem 24 Jahre der Bemühungen durch die Künstler, um die Genehmigung zur Umsetzung zu erhalten.

Die Aussage hinter der Verhüllung

Das Reichstagsgebäude begeisterte Christo und Jeanne-Claude nicht nur aufgrund seiner Architektur, sondern vor allem aufgrund seiner Geschichte. Fertiggestellt wurde es 1894, 1933 mit weitreichenden Folgen in Brand gesetzt und 1945 beinahe vollständig zerstört. Es wurde 1960 wieder aufgebaut und ist nicht erst seitdem ein Symbol für Demokratie. Die Faszination des Verhüllens eines so symbolträchtigen Gebäudes mit zart wirkenden Stoffbahnen, die in Falten ähnlich einem Kleid fallen, betont die Besonderheit des Vergänglichen. Die feine Hülle erzählt in vornehmer Sprache von der Schönheit und der Aussagekraft eines Gebäudes, das ein bedeutendes Stück Geschichte ist. Es waren über die Dauer der Installation fünf Millionen Menschen, die den verhüllten Reichstag besuchten und sich von seiner Ausstrahlung mitreißen ließen.

Die Verhüllung kehrt zurück

Ab September 2015 ist eine umfassende Ausstellung zur Verhüllung des Reichstages im Reichstag Berlin zu sehen. Christo selbst kuratiert die Dauerausstellung, die nur Originale zeigt. Hierzu zählen 66 Originalzeichnungen und Collagen, ein raumfüllendes maßstabsgetreues Modell, hunderte historische Fotografien sowie originale Materialproben.
Dieselbe Ausstellung fand zum ersten Mal 1999 im Gasometer Oberhausen statt – mit großem Erfolg: Beinahe 400 000 Menschen erlebten das Entstehen und Sein der Reichstagsverhüllung noch einmal mit.

Weitere Informationen zur Berliner Ausstellung, der Stiftung Dokumentations-Ausstellung Verhüllter Reichstag und dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude finden sich unter folgendem Link:

http://www.xn--stiftung-doku-verhllter-reichstag-8pd.de/


Gina Doormann

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